Variable Drehzahl im Einsatz
Veröffentlicht am 18 Mai 2026 von Kathrin Drinkuth
Wie ein Schlepper in Shanghai für mehr Effizienz im Hafenbetrieb sorgt
Hafenschlepper arbeiten unter extrem wechselnden Bedingungen: Mal müssen sie unter Volllast Schiffe ziehen, mal präzise manövrieren. Das Projekt „Harbor 712“ zeigt, wie ein neues Antriebskonzept an genau dieser Stelle ansetzt.
Die Pause zwischen zwei Schichten im Hafenbetrieb ist kurz. Doch für den Schlepper „Harbor 712“ reicht sie aus: In rund eineinhalb Stunden lädt er seine Batterien von 30 auf 90 Prozent während der regulären Liegezeit. Und wenn der Einsatz im Hafen von Shanghai weitergeht, ist das Schiff bereit.
„Harbor 712“ ist ein Forschungsprojekt zur Entwicklung neuer Schlepper-Antriebe, mit dem der Hafen Shanghai auf die nationale Politik für umweltfreundliche Häfen reagiert.
Die Schnellladefähigkeit ist Teil eines neuen Antriebskonzepts, das von der Shanghai International Port Group gemeinsam mit Rolls-Royce Power Systems entwickelt wurde. Im Zentrum steht dabei ein hybrides System mit drehzahlvariablen mtu-Dieselaggregaten. Bislang wurde die Technologie auf Hafenschleppern kaum eingesetzt. Dabei werden ihre Vorteile hier besonders deutlich. Denn im Hafenbetrieb entscheidet sich Effizienz in mehreren Bereichen gleichzeitig: beim Kraftstoffverbrauch, bei der Flottenverfügbarkeit und bei den Emissionen.
Die Grundlage für das neue Konzept ist das Zusammenspiel von Antrieb und Energiesystem. Die drei 1.300-ekW-12-Zylinder-Aggregate der mtu-Baureihe 4000 M64 laufen nicht konstant mit gleicher Drehzahl. Stattdessen passen sie sich kontinuierlich an den tatsächlichen Leistungsbedarf an. Gerade im Hafenbetrieb ist das wichtig: Schlepper arbeiten unter komplexen und vielfältigen Bedingungen, zwischen hoher Leistung und fein abgestimmten Manövern. Die variable Drehzahl sorgt dafür, dass die Motoren in jedem Zustand im optimalen Bereich arbeiten.
Das Ergebnis: Im Vergleich zu herkömmlichen Einheiten mit konstanter Drehzahl reduziert sich bei variablen Einheiten der Kraftstoffverbrauch um bis zu 20 Prozent, die Zeit zwischen Überholungen wird um bis zu 20 Prozent verlängert und die Geräusch-Emissionen verringert.
Ergänzt wird das System durch ein 2.000-kWh-Batteriepaket und ein Gleichstrom-Bus-Stromverteilungssystem. Die Batterie gleicht Lastspitzen aus und speichert Energie, wenn sie gerade nicht benötigt wird. So entsteht ein System, das Energie gezielt einsetzt, anstatt sie ständig vorzuhalten.
Gerade in solchen hybriden Systemen kommt es darauf an, dass Motor und Energiemanagement perfekt zusammenspielen. „Wir haben uns für mtu-Motoren nicht nur wegen ihrer beständig hohen Leistung und Zuverlässigkeit entschieden, sondern vor allem wegen ihrer umfangreichen Anwendungserfahrung in der Bordstromerzeugung mit variabler Drehzahl“, sagt der Betreiber des Schleppers bei Shanghai International Port. „
Auch für zukünftige Projekte mit drehzahlvariablen Hybridlösungen will der Betreiber auf mtu-Technologie setzen. Denn angesichts steigender Umweltanforderungen eröffnen Hybridantriebssysteme neue Möglichkeiten für den Hafenbetrieb. Rolls-Royce Power Systems arbeitet gemeinsam mit Partnern daran, diese Technologien weiterzuentwickeln und für den Einsatz unter realen Bedingungen nutzbar zu machen. Dass dieser Ansatz bereits heute schon funktioniert, zeigt „Harbor 712“.