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Boxenstopp im Baltikum

Veröffentlicht am 17 März 2016 von Dagmar Kötting, Bilder von Andzej Mickevic

In der litauischen Hauptstadt Vilnius werden 44 Lokomotiven der Litauischen Eisenbahn mit mtu-Remanmotoren neu motorisiert.
Vilnius, Lithuania

24.000 Betriebsstunden hatte jeder der 44 mtu-Motoren auf dem Buckel, die in Litauen seit acht Jahren die Siemens-Eurorunner-Lokomotiven antreiben. Da war es Zeit für eine Frischzellenkur – oder das mtu-Remanverfahren. In diesem werden die Motoren aufbereitet zum quasi Neumotor. Die Vorteile für Kunden: Die Motoren sind wie neu, sind aber deutlich preisgünstiger und haben trotzdem die gleiche Gewährleistung wie ein neuer Motor.

Es riecht nach Metall und Öl, doch es ist erstaunlich hell und sauber in der Werkshalle im Süden der litauischen Hauptstadt Vilnius. Vor zwei Jahren erst hat eine Tochterfirma des estländischen Unternehmens Baltic Marine Group, einem Distributor von mtu, die Halle renovieren lassen. Im „Vilniaus lokomotyvu remonto depas “ werden Instandhaltungs- und Montagearbeiten im Auftrag der Litauischen Eisenbahn (Lietuvos Geležinkeliai – LG) ausgeführt.

44 Lokomotiven der Litauischen Eisenbahn sind vom mtu-Distributor Baltic Marine mit mtu-Remanmotoren remotorisiert worden.

Kostengünstig und nachhaltig

Im Juli 2013 startete die Litauische Eisenbahn, gemeinsam mit Siemens, der Baltic Marine Group und mtu ein Projekt zur Überholung der 44 Lokomotiven und Motoren. Sukzessive, bis zum September 2015, wurden alle Motoren, die bisher jeweils rund 24.000 Stunden Einsatz hinter sich haben, in der Halle in Vilnius ausgebaut und zur Überholung mit dem Lkw in das mtu Reman-Technologiezentrum in Magdeburg transportiert. Das Werk ist das Leitwerk der MTU Friedrichshafen für weltweit einheitliche Remanprozesse und auf die industriell standardisierte Aufarbeitung und Grunderneuerung von mtu-Motoren spezialisiert. Vorteil der Remanmotoren: Sie sind preislich günstiger als neue Motoren, haben aber die gleiche Gewährleistung wie neue Motoren. Im Rahmen der Grunderneuerung fließen zudem in jeden Motor sämtliche technischen Updates mit ein, sodass sich der Kunde sicher sein kann, ein Produkt auf dem technisch aktuellsten Stand zu erhalten. In Magdeburg werden die angelieferten Motoren für ein zweites Leben fit gemacht. Dafür werden sie komplett demontiert und befundet. Verschleißteile, Elastomere oder defekte Komponenten werden ersetzt, doch der Großteil der Motorbauteile wie Zylinderköpfe, Kurbelwellen oder das Motorgehäuse werden wieder aufgearbeitet – ein nachhaltiges Verfahren, denn es müssen keine Rohstoffe verbraucht werden, um diese neu zu produzieren. Und weil die Motoren nach dem erfolgreichen Prüfstandslauf auch eine neue Lackierung bekommen, sehen sie nach der Überholung nicht nur aus wie neu, sondern müssen auch dieselben Kennwerte erfüllen wie ein typgleicher Neumotor. So wie der Remanmotor in der Lok ER 20032. Das 2.000 Kilowatt starke Herz des Eurorunners erstrahlt im frisch lackierten Blau und ist wieder voll einsatzbereit für den litauischen Güterverkehr.

Ausfallzeiten so gering wie möglich

Werner Berger ist einer der mtu-Mitarbeiter, die das litauische Reman-Projekt betreuen. „Das ist der erste Auftrag, den wir von einer staatlichen Bahn für Remanmotoren erhalten haben", sagt er nicht ohne eine Portion Stolz.

„Das Geld, das wir sparen, können wir an anderer Stelle investieren.“

Vor allem der finanzielle Aspekt war ausschlaggebend für die Entscheidung, Remanmotoren zu verwenden: „Das Geld, das wir durch den Einsatz der Remanmotoren einsparen", so Vyšniauskas, „können wir an anderer Stelle investieren". Während er diesen Satz ausspricht, ertönt im Büro plötzlich das Schnaufen und Pfeifen einer Dampflok. Urheber der Geräusche ist eine Wanduhr. Immer zur vollen Stunde fährt ein Miniaturzug um das Zifferblatt und macht akustisch auf sich aufmerksam.

Innerhalb von zwei Minuten aus der Lok auf die Holzpalette

In der Halle in Vilnius machen sich Arunas Žekas und Giedrius Pranckunas vom Baltic Marine Service Team daran, den alten Motor der ER 20016 aus der Lokomotive zu hieven. Giedrius Pranckunas steuert per Fernbedienung den großen gelben Kran, der an der Decke hängt, über die Lok. Bis er richtig positioniert ist, hat sein Kollege
Arunas Žekas starke Ketten am Motorgehäuse befestigt. Dann hängt der Koloss am Haken und wird Meter für Meter aus der Lokomotive emporgezogen. Dass er dabei ganz schön ins Schwanken gerät, ist normal und beunruhigt die die erfahrenen Mechaniker nicht. Schließlich schwebt der Motor nur noch eine Handbreit über der hölzernen Transportvorrichtung – es sind kaum zwei Minuten vergangen. Jetzt ist Millimeterarbeit gefragt, um das stählerne Kraftpaket auf den vier Bolzen der Holzkonstruktion exakt aufzusetzen. „Das ist kein Problem", sagt Arunas Žekas lachend. „Nach 30 Motoren ist das Routine für uns." Die beiden Mechaniker ruckeln noch ein wenig am Motor, dann hat er seinen Platz gefunden. Arunas Žekas greift sich einen großen Schraubenschlüssel und zieht die Muttern an den Bolzen fest.

Neben ihm beobachten der Ingenieur Arminas Vilbrantas und der Direktor der litauischen Baltic Marine-Niederlassung, Andžej Mickevic, die Arbeiten. „mtu hat einen sehr guten Ruf für Remanufacturing", weiß Andžej Mickevic. „Sie unterstützen uns bei Schwierigkeiten und sind sehr schnell. Jeder Tag ist wichtig für uns und für unseren Kunden, die Litauische Eisenbahn." Arminas Vilbrantas ergänzt: „Es hat sich alles eingespielt und läuft bestens. Das ist eine sehr starke Partnerschaft mit mtu und ein sehr freundlicher Umgang." Auch Hermann Schirmer, der das Reman-Projekt in Friedrichshafen vertriebsseitig betreut, schätzt die Kollegen aus Estland und Litauen: „Das Team in Vilnius arbeitet sehr eigenständig. Das, was Baltic Marine als Distributor leistet, ist lehrbuch-mäßig."

  

Die Motoren sind in guten Händen“

Zwei Jahre lang dauerte das Reman-Projekt. Naglis Vyšniauskas ist mehr als zufrieden: „Wir haben nicht nur eine Partnerschaft, sondern eine wirklich enge Zusammenarbeit mit mtu und Baltic Marine. In den beiden Unternehmen haben wir Partner, auf die wir uns verlassen können." Sein Vertrauen sah Naglis Vyšniauskas auch bestätigt, als mtu seine Kooperationspartner nach Magdeburg in das Reman-Technologiezentrum einlud. „Ich war glücklich zu sehen, dass unsere Motoren in guten Händen sind. Das Werk dort verfügt über Hightech-Ausstattungen, die auf höchstem Niveau liegen. Bei den Gesprächen habe ich auch erfahren, wie die mtu-Fachleute den Zustand unserer Motoren nach einer so langen Laufzeit beurteilen. Das positive Feedback von mtu über den Zustand unserer Motoren und damit über die Leistungen unserer Mitarbeiter bei der Wartung hat mir ein sehr gutes Gefühl gegeben."

Der Inhalt der Beiträge entspricht dem Stand zum jeweiligen Erscheinungsdatum. Sie werden nicht aktualisiert. Weitergehende Entwicklungen sind deshalb nicht berücksichtigt.

Kontakt

Hermann Schirmer
Tel.:
+49 7541 90 4864
E-mail::

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